Rückblick und Ausblick

5 Fragen an den Präsidenten der GFPF, Professor Hermann Avenarius

1. Wie würden Sie das vergangene Jahr hinsichtlich der Entwicklungen der GFPF bewerten?

hermann_avenarius Prof. H. Avenarius: Um diese Frage zu beantworten, muss ich weiter ausholen. Die Gesellschaft zur Förderung Pädagogischer Forschung besteht seit mehr als sechs Jahrzehnten in enger Verbindung mit dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Sie war anfangs der 1950er Jahre mit dem Ziel gegründet worden, pädagogische Tatsachenforschung zu fördern und ihre Ergebnisse auf allen Gebieten des Bildungs- und Erziehungswesens nutzbar zu machen; sie soll eine Brücke zwischen Bildungsforschung und Bildungspraxis schlagen. Diese Aufgabe hat die GFPF in der Vergangenheit mit großem Erfolg gemeistert. Noch in den Jahren 2014 und 2015 hat sie gemeinsam mit dem DIPF drei sehr gut besuchte Fachtagungen veranstaltet: im Februar 2014 zu „PISA 2012: Fortschritte und Herausforderungen in Deutschland„, im September 2014 zu „Schule in der Kommune – Kommunale Verantwortung für Schulangelegenheiten“ und im März 2015 zu „Perspektiven freier digitaler Bildungsmedien in Politik und Praxis„. Seitdem ist die GFPF nicht mehr in der Öffentlichkeit hervorgetreten; einige Tagungsprojekte wurden mehrmals verschoben und schließlich ganz abgesagt. Es gibt verschiedene Gründe für diese Krisensituation. Nicht zuletzt mag die Tatsache eine Rolle spielen, dass angesichts der großen Resonanz, die Bildungsfragen heutzutage in den Medien finden, der Bedarf an einer Einrichtung wie der GFPF geringer geworden zu sein scheint. Und es lässt sich nicht leugnen, dass der GFPF die Altersstruktur zu schaffen macht: Die jüngere Generation ist unter den Mitgliedern nur schwach vertreten. Der unerwartete Rücktritt meines Vorgängers, Prof. Udo Rauin, hat die Krise verstärkt.

2. Im letzten Jahr wurden einige Stimmen zunehmend lauter, die im Angesicht der prekären Situation für eine Auflösung der Gesellschaft plädiert haben. Warum haben Sie sich zu diesem Zeitpunkt trotzdem zum Präsidenten aufstellen lassen?

Prof. H. Avenarius: Tatsächlich plädierten nicht nur „einige Stimmen“ für eine Auflösung der Gesellschaft; der Vorstand insgesamt sprach sich dafür aus. Er berief zum 5. Juli 2016 eine Mitgliederversammlung ein, deren Tagesordnung einen Antrag auf Auflösung des Vereins umfasste. Ich habe mich gegen diesen Antrag ausgesprochen, weil ich der Überzeugung war und bin, dass die GFPF eine wichtige Plattform für den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis ist und bleiben muss. Es wird zwar allenthalben von der Bedeutung des „Transfers“ zwischen diesen Bereichen gesprochen. Die zunehmende Spezialisierung und Differenzierung der Forschung erschwert ihr aber den Zugang zum schulischen Alltag; und nicht selten gewinnen die an den Schulen engagierten Pädagoginnen und Pädagogen den Eindruck, dass ihre Probleme und Erfahrungen in der Welt der Wissenschaft nicht gebührend beachtet werden. Umso wichtiger ist es, an einer bewährten Struktur wie der GFPF festzuhalten, sie aus dem Lähmungszustand zu befreien und ihre Rolle als Gesprächsforum zwischen Wissenschaft und Praxis zu stärken. Um zu dieser Belebung der GFPF beizutragen, habe ich mich bei der Mitgliederversammlung im Sommer letzten Jahres bereiterklärt, für eine Übergangszeit als Präsident zur Verfügung zu stehen, und ich danke den Kolleginnen und Kollegen dafür, dass sie mir dieses Amt anvertraut haben.

3. „Postfaktisch“ ist laut Oxford-Dictionary das Wort des Jahres 2016. Sind das nicht dunkle Zeiten für eine Institution, die sich als Schnittstelle zwischen einer der Wahrheit verpflichteten Wissenschaft und der Praxis versteht?

Prof. H. Avenarius: Was ist mit „postfaktisch“ gemeint? Damit wird ein vor allem in den sozialen Medien zu beobachtender Trend beschrieben, wonach Tatsachen („Fakten“) in der öffentlichen Diskussion für viele Menschen an Bedeutung verlieren. Sie vertrauen der Politik und den etablierten Medien nicht mehr. An die Stelle „objektiver Wahrheit“ treten Emotionen und „gefühlte Wahrheiten“. Auch im Bereich von Bildung und Erziehung, vor allem in den Schulen, findet sich eine zunehmende Sehnsucht nach den „einfachen“ pädagogischen Wahrheiten; wissenschaftliche Erkenntnisse stoßen häufig schon wegen der hochelaborierten Sprache auf Vorbehalte; in manchen Schulen wird über eine Vielzahl von Tests und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen geklagt.
Angesichts dieser Tendenzen besteht die Aufgabe der GFPF gerade darin, einer Entfremdung zwischen Schulpraxis und Forschung entgegenzuwirken. Sie hat einerseits die im Schulalltag auftretenden realen Probleme gegenüber der pädagogischen Forschung zur Sprache zu bringen, auch wenn sie nicht den dominierenden wissenschaftlichen Tendenzen entsprechen. Sie sollte andererseits der Forschung ein Forum bieten, auf dem sie ihre Erkenntnisse den an der Schule Beteiligten erläutern kann und sich der Kritik stellt.

4. Welche Herausforderungen und welche Chancen sehen Sie im Jahr 2017 auf die Gesellschaft zukommen?

Prof. H. Avenarius: Die GFPF muss vor allem wieder öffentlich in Erscheinung treten. Und das heißt konkret: Sie muss Tagungen veranstalten, die für Lehrkräfte, Eltern und Schüler einerseits, für Bildungsforscher andererseits attraktiv sind. Es kommt darauf an, Fragen aufzugreifen, die die Realität der Schulen betreffen und zu deren Lösung die Wissenschaft beitragen kann. Ich bin zuversichtlich, dass wir mit der für den 20. März 2017 geplanten Fachtagung einen guten Anfang nehmen. Die Veranstaltung wird sich mit der Lehrerzuweisung an hessische Schulen befassen und der Frage nachgehen, wie dabei dem besonderen Bedarf von Schulen in sozial schwieriger Lage zu begegnen ist. Gerade im Hinblick auf das neue Jahr bin ich auch deshalb optimistisch, weil der Vorstand in seiner Arbeit von einem Team unterstützt wird, dem engagierte und tatkräftige Mitglieder angehören.

Save the Date: Fachtagung zum Thema Lehrerzuweisung an hessische Schulen, 20. März 2017

5. Wo sehen Sie langfristig die Zukunft der Gesellschaft?

Prof. H. Avenarius: Was die langfristige Entwicklung der GFPF angeht, bin ich gleichfalls zuversichtlich. Während es zwischen Politik und Wissenschaft, zwischen Ministerialverwaltung und Wissenschaft einen regen Meinungsaustausch gibt, fehlt es an einem institutionalisierten Dialog zwischen Schulen, staatlichen und kommunalen Schulämtern einerseits und der Bildungsforschung andererseits. Hier besteht langfristig ein großer Bedarf. Diesen Dialog zu ermöglichen und zu fördern, darin liegt für die GFPF eine große Chance. Das gilt umso mehr, wenn es gelingen sollte, die Gesellschaft, die ihren geografischen Schwerpunkt bislang in Hessen und Rheinland-Pfalz hat, stärker bundesweit zu etablieren.

Effektivität der Qualifizierung von Teach First Fellows

Neue Veröffentlichung: Im Oktober 2016 wurde Band 34 der Reihe Materialien zur Bildungsforschung auf dem Open-Access-Server pedocs veröffentlicht.

Cover_Materialien_Bildungsforschung_Bd_34Zum Inhalt: Teach First Fellows nehmen wie Lehrkräfte eine hohe Verantwortung für die weitere Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wahr. Anders als Lehrkräfte verfügen sie jedoch nicht über eine grundständige Ausbildung für ihre spezifische Tätigkeit. Deshalb stellt sich die Frage, inwiefern es gelingen kann, durch eine sorgfältige Auswahl der Fellows, sowie durch eine intensive Kurzqualifizierung gute Voraussetzungen für den Erfolg ihrer Tätigkeit zu schaffen. Die vorliegende Studie evaluiert die Ergebnisse des Qualifizierungsprogramms, das Teach First Deutschland für seine Fellows entwickelt und implementiert hat. Dabei interessiert insbesondere, welches Wissen zur Unterstützung von Lernprozessen, welche Fähigkeiten zur Gestaltung von Unterricht und welche Erwartung von pädagogischer Wirksamkeit innerhalb eines halben Jahres bei den Fellows aufgebaut werden können. Um ein tieferes Verständnis der Wirkweise des Qualifizierungsprogramms zu ermöglichen, wurden neben den Ergebnissen auch dessen Prozesskomponenten einer Bewertung unterzogen.

Publikation auf pedocs