Neujahrs-Interview

Drei Fragen an den neuen Präsidenten der GFPF, Professor Felix Hanschmann (Humboldt-Universität zu Berlin)

  1. Herr Professor Hanschmann, wie kommt es, dass sich ein Jurist für die pädagogische Forschung interessiert?

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Mein Interesse an der pädagogischen Forschung hat sich – abgesehen davon, dass ich drei Kinder im schulpflichtigen Alter habe – über die Beschäftigung mit schulrechtlichen Fragen entwickelt. Insbesondere bei der Arbeit an meiner Habilitationsschrift, die sich mit dem im Grundgesetz normierten staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag beschäftigt, habe ich bereits in einem sehr frühen Stadium gemerkt, dass schulrechtliche Fragestellungen angemessen nur unter Einbeziehung erziehungswissenschaftlicher Forschung behandelt werden können. Das gilt etwa für die Frage nach der verfassungsrechtlichen Zulässigkeit einer gebundenen Ganztagsschule, die einfachgesetzliche Festlegung der Sprengelpflicht im Primarbereich, die Einführung bundesweiter Bildungsstandards mit einem korrespondierenden Testinstrumentarium oder die in den Schulgesetzen der Länder propagierte Teilselbständigkeit der Schule. Glücklicherweise hat mir dann Hermann Avenarius, der später dann einer meiner Habilitationsväter wurde, die Türen zum Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt geöffnet und mir dadurch einen Dialog mit Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungswissenschaftlern ermöglicht, der über das Lesen erziehungswissenschaftlicher Arbeiten hinausgeht.

  1. Wie sehen Sie die Verbindung zwischen pädagogischer Praxis und wissenschaftlicher Forschung und welche Rolle kann die GFPF in diesem Zusammenhang spielen?

Dazu ist aus meiner Sicht zunächst einmal festzustellen, dass sowohl in der schulischen Praxis als auch auf Seiten der wissenschaftlichen Akteure ein nicht oder jedenfalls kaum stattfindender Austausch beklagt wird. Das führt dazu, dass die vielfältigen Ergebnisse und Erkenntnisse der derzeit vorwiegend empirischen Bildungsforschung in der Praxis nicht ankommen und dort nicht wirksam werden können. Einerseits werden die Probleme und Nöte von Praktikerinnen und Praktikern von der Wissenschaft nicht immer aufgegriffen. Auch haben die in der Praxis Tätigen häufig keinen Eindruck davon, ob und wie die in der Wissenschaft geleistete Bildungsforschung für ihre pädagogische Arbeit und die Entwicklung der Schulen relevant sein könnten. Andererseits interessiert sich die Forschung aber auch nur eingeschränkt dafür, ob und wie die von ihr produzierten Erkenntnisse in die schulische Praxis einfließen. Insofern laufen Forschung und Praxis meinem Eindruck nach oft nebeneinander her. Daraus ergeben sich die Fragen, in welcher Weise Forschungsergebnisse in die Praxis gelangen und dort fruchtbar gemacht und wie Perspektiven, Problemformulierungen und Forderungen von der Praxis an die Bildungsforschung adressiert werden können. Genau an diesem Punkt der engeren Kopplung zwischen Forschung und Praxis sehe ich eine wichtige Funktion der Rolle und der Arbeit der GFPF, die sich in ihrer inhaltlichen Aufgabenbeschreibung und ihrer konkreten Tätigkeiten hieran ausrichten muss.

  1. Was sind denn konkret Ihre Vorstellungen hinsichtlich der zukünftigen Ausrichtung der Gesellschaft zur Förderung der pädagogischen Forschung?

Nachdem sich die Gesellschaft in den letzten Monaten vor allem auch dank der Arbeit meines Vorgängers im Amts des Präsidenten personell, organisatorisch und finanziell konsolidiert und insbesondere im Vorstand eine Verjüngung stattgefunden hat, sehe ich für die Zukunft drei wesentliche Herausforderungen: Erstens sollte die GFPF eine aktive Rolle bei der bereits angesprochenen Verzahnung zwischen der pädagogischen Praxis und der erziehungswissenschaftlichen Forschung einnehmen. Das kann die Gesellschaft leisten, indem die schulische Praxis betreffende Fragen über die Kommunikation – und natürlich auch die Zusammensetzung der GFPF – mit Praktikerinnen und Praktikern aufgegriffen, formuliert sowie in Gestalt vor allem von regelmäßig durchgeführten Tagungen thematisiert und diskutiert werden. Durch das Veranstalten von Fachtagungen sehe ich, nebenbei bemerkt, zugleich die Chance, neue Mitglieder, die an einem Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis interessiert sind und sich hiervon eine gegenseitige Befruchtung erwarten, zu gewinnen. Zweitens gilt es meines Erachtens die in der Vergangenheit überaus erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen der GFPF und dem DIPF in der Zukunft fortzusetzen, zugleich aber auch weitere geeignete Kooperationspartner aus der Bildungsforschung, der Bildungsverwaltung oder anderen gesellschaftlichen Bereichen für gemeinsame Veranstaltungen zu finden. Drittens gilt es zu überlegen, ob das Betätigungsfeld der GFPF punktuell nicht in regionaler Hinsicht ausgedehnt werden sollte. Geographisch ist die Gesellschaft traditionell auf Hessen und Rheinland-Pfalz fokussiert. Mit punktuell meine ich, dass man je nach den auf Tagungen zu diskutierenden Themen überlegen könnte, welche Bundesländer in besonderer Weise von dem jeweiligen Thema betroffen sind. Wenn die GFPF beispielsweise eine Fachtagung zur Frage nach dem Verhältnis zwischen dem staatlichen Schulsystem und Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften veranstaltet, könnte etwa überlegt werden, ob man nicht Vertreterinnen und Vertreter aus Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen einlädt, weil dort noch die staatliche Bekenntnisschule besteht. Oder man könnte die Erfahrungen aus einem Bundesland wie Berlin, in dem eine eher strikte Neutralität in religiös-weltanschaulicher Hinsicht praktiziert wird, mit einfließen lassen. Solche themenbezogenen Ausrichtungen scheinen mir die Vielfalt und die unterschiedlichen Erfahrungen im deutschen Schulwesen in besonderer Weise zum Ausdruck kommen und der GFPF damit eine wichtige Funktion zukommen zu lassen.

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